Daimler Stand

App your Truck!

Nutzfahrzeuge sind für Fraunhofer-Forscher äußerst interessante Objekte: geringe Stückzahlen und viele Varianten, hohe Anforderungen an Qualität, Ausfallsicherheit und Robustheit, sowie eine möglichst nahtlose Integration in Wertschöpfungsprozesse – jede Menge Herausforderungen also, um das Forscher-Herz höher schlagen zu lassen.

Auf Spurensuche zu neuen Anwendungstrends und dem Stand der Technik in der Domäne habe ich mich einen Tag lang auf der diesjährigen Nutzfahrzeug-IAA umgesehen, um den Autos einmal aus Software-Sicht „unter die Haube“ zu schauen – in den gängigen Pressemitteilungen bekommt man ja meist nur das Bild der glitzernden Außenhaut und eine lange Feature-Liste präsentiert.

Wie steht es nun um die Digitalisierung der Branche?

Das Rennen ist eröffnet und die großen Hersteller sind alle mit dabei; ganz vorne Daimler Fleetboard, die einen App Shop präsentieren, mit dem sich Anwendungen von Drittherstellern auf das entsprechende Fleetboard-Dashboard laden lassen.

RIO Dienste
RIO: Telematik-Dienste von MAN

Ab November wird das SDK verfügbar sein – 50 Studenten durften auf einem Hackaton auf der IAA schon einmal probieren, neue Ideen umzusetzen. Die Schnittstelle zum Fahrzeug basiert dabei auf dem FMS-Standard, die zwar nur sehr wenige Daten umfasst, dafür aber herstellerübergreifend funktioniert.

Fleetboard App-Store
Fleetboard App-Store

Hersteller übergreifende Funktion ist wichtig, um die oft heterogenen Fuhrparks der Logistiker zu integrieren. Das hat auch MAN erkannt, die mit RIO eine neue Marke gegeben haben, um so neu, frisch (und bunt) um Kunden zu werben. Allerdings fehlen hier noch die fertigen Produkte. Feuerwehr-App im neuen Crafter Einsatzleitfahrzeug? Fehlanzeige! Das Zusatzgerät thront noch auf dem Armaturenbrett.

Die Show-Cars sind oft viel-bestaunte Fahrzeuge auf den Messen. Der „Future-Bus“ von Daimler hat sogar eine Straßenzulassung und beeindruckt durch viele neue Ideen. Der Bus kann – überwacht vom Fahrer – automatisiert fahren und hat dies in Amsterdam vor einigen Wochen demonstriert. Neun Kameras und fünf Radarsensoren unterstützen das System, um z.B. zentimetergenau an den Bordstein heran zu fahren. So können Busbetreiber den Verschleiß der Reifen, die sonst oft auf Tuchfühlung mit dem Randstein gehen, deutlich senken. „Momentan setzen wir auf leistungsstarke Technik, die auch aus dem Media Markt kommen könnte, die Realisierung in entsprechende Steuergeräte ist noch viel Arbeit“, weiß Projektmanager Sascha Kreidel zu berichten.

Solche Steuergeräte bekommt man von Zulieferer, die teils auch mit selbstentwickelten Lösungen Know-how aufbauen und um die Gunst der Hersteller werben. Bosch, Continental und ZF zeigten Demonstratoren von Assistenzsystemen und neue Generationen von Steuergeräten. Bosch geht noch einen Schritt weiter und demonstriert eine virtuelle Fahrt, welche unterschiedliche Anwendungs-Szenarien eines hochautomatisierten LKW im Internet der Dienste und Dinge integriert.

Automatisiertes Fahren ist einer der großen Trends – und wenn man über kamerabasierte Systeme spricht, kommt man an einem nicht vorbei: Mobileye. Die vor ein paar Jahren nur in Expertenkreisen bekannten Israelis treten abseits der großen Zulieferer in Halle 13, dafür aber selbstbewusst, auf. Jahrelange Erfahrung, unzählige Daten. „Unser System funktioniert zuverlässig in der russischen Taiga genauso wie in der Wüste.“ verspricht der Verkaufsleiter. Ein Ingenieur bei Valeo vertraute mir an, dass die Konkurrenz aus Israel wohl „einige Jahre“ Vorsprung in der Algorithmik und in den Daten haben. Solche kamerabasierten Assistenzsysteme stellen eine wichtige Komponente für hochautomatisiert fahrende Fahrzeuge dar. Die für solche Anwendungen notwendigen neuen Architekturen auf der Fahrzeugseite für das hochautomatisierte Fahren wird man wohl erst auf der übernächsten IAA zu sehen bekommen, wenn aus den Forschungsprototypen Serienfahrzeuge geworden sind.

Stand von Mobileye
Stand von Mobileye auf der IAA 2016

Dass bis dahin auch auf Seiten der Gesetzgebung noch einiges zu tun ist, waren sich auch die Podiumsteilnehmer der Veranstaltung „Digitalisierung im Nutzfahrzeug“ des Commercial Vehicle Cluster Südwest einig. Die Regulation zur Integration von Längs- und Querregelung stehe noch aus und methodisch wäre insbesondere die Bewertung der „Sotif“ (safety of intended functionality) vernetzter hochautomatisierter Fahrzeuge noch schwierig umzusetzen gab Dr. Plank vom TÜV Nord zu bedenken.

Podiumsdiskussion
Podiumsdiskussion „Digitalisierung im Nutzfahrzeug“

Insgesamt war man sich jedoch einig: Digitalisierung solle als Chancendiskussion geführt werden, nicht als Risikodiskussion. Das sehe ich auch so.

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