Round Table »Digitalisierung und digitale Geschäftsmodelle in Wirtschaft und Verwaltung und die KI-Strategie der Bundesregierung« – eine Nachlese

Am 20. Februar fanden sich zur ersten Sitzung 2019 des Bitkom Arbeitskreis (AK) »Open Data / Open API« in der Botschaft von Kanada in Berlin 50 Teilnehmer ein. Die Sitzung war als Round Table angelegt. Mit etwa einem Monat Abstand möchten wir, der AK-Vorstand und die Bitkom-Bereichsleitung Software, gerne eine Nachlese zur Veranstaltung geben – auch für alle, die nicht teilnehmen konnten.

Von Michael Binzen (DB Systel GmbH), Marc Kleemann (ISB AG), Michael Ochs (Fraunhofer IESE), Thomas Sturm (ONEflow GmbH) und Dr. Frank Termer (Bitkom e.V.)

Der Round Table im Kurzabriss

Das Thema »Offene Daten, Künstliche Intelligenz und die KI-Strategie der Bundesregierung« ist brandaktuell und hochgradig innovationsorientiert. Beim Round Table wurde in einer Reihe von Vorträgen zur Anwendung künstlicher Intelligenz auf offen zugängliche und über offene Schnittstellen nutzbare Daten das Thema präsentiert und diskutiert. Dabei wurden Blickwinkel verschiedenster Branchen und Anwendungsgebiete mit einbezogen. Um die Mittagszeit folgte Saskia Esken, MdB, Mitglied im Ausschuss Digitale Agenda und der Enquete Kommission KI, unserer ausgesprochenen Einladung zum Round Table. Frau Esken nahm an der Fishbowl-Diskussion zum Thema teil. In der Fishbowl ergab sich eine etwa einstündige spannende Diskussion zwischen allen Teilnehmern. Hier wurde vor allem die Breite und Variantenvielfalt der möglichen Sichtweisen auf datenbasierte-Geschäftsmodelle auch und vor allem unter Nutzung von Methoden der künstlichen Intelligenz deutlich. Der Nachmittag wurde durch weitere Vorträge zu Open Data, Open API, KI und die abschließende Diskussion abgerundet.

Und für alle, die mehr wissen möchten: Die folgenden Abschnitte Die Vorträge: »Facts to take away« und Die Fishbowl-Diskussion: Im Spannungsfeld von Daten, KI-Wettbewerb und Ethik geben viele weitere Details zur Veranstaltung. Als AK-Vorstand und Bereichsleitung Software ziehen wir am Ende des Artikels Unser Resümee: Keine »Macherkultur«, aber von der »Vermeidungskultur« zur »Fehlerkultur«. Es soll ein Denkanstoß für alle Interessierten sein. Abrunden möchten wir die Nachlese mit einer Fotostrecke mit Momenten des Round Table.

Die Vorträge: »Facts to take away«

In Summe beleuchteten sieben Referenten in ihren Vorträgen das Thema »Open Data und KI« aus den Blickwinkeln verschiedenster Branchen und Anwendungsfelder.

»Rentenlücke mit Open Financial Data und KI schließen«

Friedhelm A. Schmitt (Fincite GmbH) berichtete in seiner Präsentation über die B2B Rentenoptimierungslösung auf Basis von offenen Bankdaten. Grundlage ist die durch die Payment Services Directive 2 (PSD2) mögliche Öffnung von Bankkonten u.a. für Kontoinformationsdienste. So werden umfangreiche Informationen über den Kontoinhaber verfügbar. Sie können auch für die Optimierung der Altersvorsorge nutzbringend eingesetzt werden. Dabei sind Rentendaten in Deutschland digital nur schwer zugänglich. Andere Länder wie beispielsweise die Niederlande ermöglichen jeder rentenversicherten Person bereits heute vollen digitalen Zugang zu ihrer Rentenversicherung und den relevanten Daten.

»Vorteil deutsche Gründlichkeit: Business AI«

Bianca Grizhar (MVPF Technologies GmbH) ging in ihrem Vortrag auf aktuelle Aktivitäten im Bereich KI und Data Analytics in der deutschen Wirtschaft ein. Gerade Open Data könnte hier die Möglichkeiten von KI noch potenzieren. Dabei ist es von großer Bedeutung zuerst eine Datenstrategie zu entwickeln, bevor KI-Verfahren zum Einsatz kommen. Sie zog auch den Vergleich zu anderen Staaten. Hier sprang vor allem China im Bereich KI ins Auge. Dort sind im östlichen Bereich des Landes über 1.000 Startups und Unternehmen im Bereich KI aktiv. Alleine in Peking, Shanghai und Guangdong sind es zusammen 770. Darunter finden wir auch das wertvollste KI Startup der Welt »SenseTime« mit einer Bewertung von rund 4,5 MRD USD.

»Daten-getriebene Geschäftsmodelle: die Rolle von KI in der Privatindustrie und Chancen für den öffentlichen Sektor«

Alex Berges (Accenture GmbH) sprach über die Potenziale der KI in der Privatindustrie und im öffentlichen Sektor. Er unterstrich dabei die Wichtigkeit schnell vorwärts zu kommen. Um Innovation und Wachstum auch mit KI voranzutreiben, sollte das Hauptaugenmerk auf der Transformation des industriellen Kerns und dem Aufbau von digitalen Befähigern liegen. Dazu gehören z.B. intelligente Produkte, Cybersicherheit und Plattformen sowie digitale Dienste. In ungefähr zehn Jahren – so die Prognose – werden sich datengetriebene Unternehmen durchgesetzt haben.

»BMVI Data-Run & mFUND – meinGrün: mit offenen Geodaten Grünflächen neu entdecken«

Marc Kleemann (ISB AG) berichtete über Hands-on Erfahrungen mit der Verbindung von Geo Open Data und KI für Grünflächen in der Initiative »meinGrün« im Rahmen des BMVI-Förderprogramms mFUND. In Vertretung des BMVI gab er einen Überblick über die Aktivitäten des mFUND und beispielhafte Einblicke, wie datenbasierte Innovationen für neue Mobilitätsdienstleistungen entstehen. Derzeit werden 14 von 20 KI-Projekten des BMVI vom mFUND unterstützt. Das mFUND Projekt »meinGrün« ist Ende 2018 gestartet und ermittelt Dank maschinellem Lernen Grünflächen aus offenen Satellitenbilddaten des Copernicus Programms. Eine App schlägt Erholungssuchenden gewünschte Freizeitaktivitäten und passende Anreiseoptionen vor. Dies belegt, wie Open Data einen wichtigen Beitrag für das Gelingen von KI-Anwendungen leistet.

»Open APIs als Spezifikationsgrundlage und Architekturmerkmal mobiler Telekommunikationsanwendungen«

Prof. Dr.-Ing. habil. Andreas Schmietendorf (Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin) stieg in seinem Vortrag tiefer in die Technik von offenen Schnittstellen ein. Er hob das Thema auch auf die Ebene von Architekturen am Beispiel von Telekommunikationsanwendungen. Prof. Schmietendorf zeigte auf wie diversifizierte IT-Architekturen harmonisiert werden können, indem man branchenspezifische Standards mittels OpenAPI schafft. In Telco-spezifischen Anwendungsszenarien wurde dieser Ansatz in der Praxis auf Tauglichkeit geprüft – und von den Beteiligten als Nährboden für Digitalisierung mit hohem Innovationspotenzial bewertet.

»Smart Data on top of PSD2: Veredelung von Kontodaten für Nutzer und Berater durch Machine Learning«

Im zweiten Vortrag des Tages aus der FinTech-Welt sprach Alexander Kohout (fino run GmbH) über die Analyse des Zahlungsverkehrs. Aus den Verwendungszwecken können beispielsweise der exakte Lebensabschnitt eines Kunden und daraus resultierende Bedarfe ermittelt werden. Genauso werden die antizipierbaren nächsten wichtigen Entscheidungen und folgenden Lebensabschnitte erkennbar. Diese Informationen können in die Beratung durch die Bank einfließen. Letztlich sind durch die Monetarisierung auf dem Konto das gesamte Konsumprofil, die Bedarfe und die Engpässe eines Menschen auslesbar. Insbesondere zählen dazu auch weite Teile der Interessen – nämlich diejenigen, für welche auch echtes Budget verwendet wird.

»KI Out-of-the-box: Was steckt in der Box? Digitale Assistenz für die Online-Bürgerbeteiligung«

Im letzten Vortrag des Tages stellte Dian Balta (fortiss GmbH) erste Erfahrungen aus der Forschung für eine intelligente digitale Assistenz für Online-Bürgerbeteiligung und Partizipation (Civitas Digitalis) vor. Eine Komponente von Civitas Digitalis ist z.B. ein ChatBot, der Verbesserungsvorschläge und Anregungen von Bürgern annimmt. Dazu hinterfragt oder ergänzt das System wichtige und relevante Details der Anregungen im Online-Dialog mit den Bürgern. Abschließend gab es einige interessante technische Insights wie die »Box« intern gestaltet und strukturiert ist.

Die Folien der Vorträge gibt es wie immer im Arbeitsbereich des AK »Open Data / Open API« zum Download. Zugriff erhalten Sie, wenn Sie als Bitkom-Mitglied im Bitkom-Portal dem AK »Open Data / Open API« beitreten.

Die Fishbowl-Diskussion: Im Spannungsfeld von Daten, KI-Wettbewerb und Ethik

Das Themenfeld der Fishbowl-Diskussion

In der Fishbowl ging es im Zusammenhang zwischen »Open Data« und der »KI-Strategie der Bundesregierung«. Der Blinkwinkel des AK »Open Data / Open API« lag dabei auf folgenden drei der zwölf Handlungsfelder der KI-Strategie. Diese sind:

  • Daten verfügbar machen und Nutzung erleichtern,
  • Ordnungsrahmen anpassen und
  • Standards setzen.

Ebenso definierten fünf der insgesamt 23 Maßnahmen aus der »KI-Strategie der Bundesregierung« das Spielfeld der Fishbowl-Diskussion. In diesen liegt das größte Potenzial im Zusammenspiel mit Open Data. Die Maßnahmen sind:

  • Einberufen eines Runden Tischs mit Datenschutzaufsichtsbehörden & Wirtschaftsverbänden,
  • Initiierung von betrieblichen Experimentierräumen zu KI-Anwendungen in der Arbeitswelt,
  • Impuls für 50 KI-Leuchtturmanwendungen zum Nutzen von Umwelt und Klima,
  • Schaffung von Anreizen und Rahmenbedingungen für das freiwillige, datenschutzkonforme Teilen von Daten und Aufbau einer vertrauenswürdigen Daten- und Analyseinfrastruktur sowie
  • Entwicklung eines KI-Ökosystems (Anmerkung der Autoren: Ökosysteme sollten hier auch technisch / digital gesehen werden, Stichwort »KI on Demand / als Commodity«).

Kurze Zusammenfassung der Fishbowl-Diskussion

In der Fishbowl ergab sich eine etwa einstündige spannende und stellenweise durchaus kontroverse Diskussion. Sie drehte sich zunächst an Beispielen um die Nutzung von Methoden der künstlichen Intelligenz mit offenen Daten. Daran wurde  die Bandbreite und Variantenvielfalt der Sichtweisen auf datenbasierte-Geschäftsmodelle deutlich. Die Diskussion bewegte sich weiter in das Spannungsfeld von Innovationsgeschwindigkeit im internationalen Wettbewerb, Datenschutz, Ethik und Datenverfügbarkeit in Wirtschaft und Government-Bereich. Auch personenbezogene Daten, die vollständig anonymisiert offen nutzbar wären, sind Kandidat für Open Data und den Einsatz von KI. Diese Art von Transparenz wird jedoch von vielen Menschen als Bedrohung wahrgenommen. Die Diskussion bewegte sich auch lebendig zwischen den Themen »Vermeidungskultur« und »Fehlerkultur«.

Open Access (Open API) hilft dem Einzelnen. Mehrwerte für die Gesellschaft werden jedoch erst durch umfassende Nutzung von Open Data beispielsweise mit KI geschaffen. Dazu könnte ein partizipativer Dialog zwischen Verwaltung und Wirtschaft über Bedarfe hinsichtlich Open (Government) Data beitragen. So könnte für Open Data eine Datenstrategie mit hohem Potenzial für KI-Nutzung und gesellschaftlichem Mehrwert entstehen.

Unser Resümee: Keine »Macherkultur«, aber von der »Vermeidungskultur« zur »Fehlerkultur«

Die »Macherkultur«

Daten, vor allem auch Open Data, sind der »Rohstoff«, auf dem KI arbeitet. Die Zahlen aus China sprechen für sich. Dort gibt es allein in Peking, Shanghai und Guangdong zusammen 770 Unternehmen und Startups im Bereich KI. Diese Zahl wirkte auf viele Teilnehmer des Round Table zu Recht alarmierend. Dazu kommt, dass Datenschutz in China keine herausragende Rolle spielt. Somit steht sehr viel »Rohstoff« für den Einsatz von KI-Verfahren zur Verfügung. Dies soll den chinesischen Weg – man könnte ihn auch als »Macherkultur« bezeichnen – auf gar keinen Fall unreflektiert gutheißen. Für schnelle, zielgerichtete Weiterentwicklung und Erprobung von KI-Verfahren bietet er objektiv jedoch immense Wettbewerbsvorteile für dort angesiedelte KI-Unternehmen.

Die »Vermeidungskultur«

Die Unsicherheit im Umgang mit datenbasierter Transparenz resultiert oft in nicht zwangsläufig begründetem Misstrauen. Dies führt zu rechtlichen und ethischen Bedenken und langen Diskussionen darüber, ob eine innovative Idee wirklich umgesetzt werden darf. Das führt letztlich dazu, dass innovative Ideen ausgebremst oder im Keim erstickt werden und ihren Nutzen nicht entfalten können. Diese Herangehensweise birgt die Gefahr, dass wir in Deutschland bei Daten und Datennutzung durch KI in eine »Vermeidungskultur« driften.

Die »Fehlerkultur«

Wir müssen jedoch zu einer »Fehlerkultur« kommen, da nur so die nötige Innovationsgeschwindigkeit in diesem sich extrem schnell wandelnden Umfeld erreicht werden kann. Andernfalls wird sich Deutschland als Standort mit dem gewünschten Kompetenzvorteil in KI im internationalen Wettbewerb nicht etablieren können. Im schlimmsten Fall würden wir sogar gänzlich abgehangen werden. Dies gilt für Nutzung von KI-Verfahren, die dafür verfügbaren Daten – aus Wirtschaft, Verwaltung und Forschung – sowie deren Qualität. In einer »Fehlerkultur« werden Ziele verfolgt und umgesetzt. Dabei soll aber nie das »Not-Aus« fehlen, für den Fall, dass es in der Umsetzung einer innovativen Idee zu Missbrauch, regulativen oder ethischen Problemen kommen sollte.

In einer »Vermeidungskultur« werden Ziele aufgrund von Bedenken erst gar nicht erreicht. Das ist gefährlich für Wirtschaft und Gesellschaft. Wir wollen keine »Macherkultur« im Zusammenhang mit KI und Open Data. Wir wollen aber auch keine »Vermeidungskultur«. Beide sind schädlich in ihrer jeweils eigenen Art und Weise. Was die Wirtschaft braucht, ist eine politisch gestützte, gewollte »Fehlerkultur« mit dem »Not-Aus« für den Fall der Fälle. Denn dies erlaubt es im internationalen Wettbewerb Schritt halten zu können.

Danksagung

Wir möchten herzlich der Botschaft von Kanada und der Open Text Software GmbH für den tollen Veranstaltungsort danken. Genauso gilt unser herzlicher Dank Frau Saskia Esken, MdB, allen Vortragenden, Mitdiskutierenden und Teilnehmenden für die aktive Gestaltung der Veranstaltung.

Momente – der Round Table in Bildern

Bilder: Copyright (c) Marc Kleemann und Thomas Sturm.

Das Haus des Gastgebers: Die Botschaft von Kanada.

Begrüßung der Teilnehmer durch den Vertreter der Botschaft von Kanada.

Begrüßung der Teilnehmer durch Dr. Frank Termer (Bitkom e.V.) und Michael Binzen (DB Systel GmbH).

Vortrag von Friedhelm Schmitt (Fincite GmbH): »Rentenlücke mit Open Financial Data und KI schließen«.

Vortrag von Bianca Grizhar (MVPF Technologies GmbH): »Vorteil deutsche Gründlichkeit: Business AI«.

Vortrag von Alex Berges (Accenture GmbH): »Daten-getriebene Geschäftsmodelle: die Rolle von KI in der Privatindustrie und Chancen für den öffentlichen Sektor«.

Michael Ochs (Fraunhofer IESE) gab als Einführung zur Fishbowl-Diskussion einen Überblick über die für den Tag relevanten Handlungsfelder und Maßnahmen der »KI-Strategie der Bundesregierung«.

Unser Gast Saskia Esken, MdB, gab als Entrée zur Fishbowl-Diskussion ein Eingangsstatement zu den Handlungsfeldern und Maßnahmen der KI-Strategie ab.

Die Fishbowl-Diskussion: Michael Binzen (DB Systel GmbH, rechts) und Michael Ochs (Fraunhofer IESE, links) eröffnen die Fishbowl-Diskussion mit Saskia Esken, MdB.

Die Fishbowl-Diskussion verlief rege und mit vielen wechselnden Teilnehmern und inhaltlichen Positionen.

Vortrag von Marc Kleemann (ISB AG): »BMVI Data-Run & mFUND – meinGrün: mit offenen Geodaten Grünflächen neu entdecken«.

Vortrag von Prof. Dr.-Ing. habil. Andreas Schmietendorf (Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin): »Open APIs als Spezifikationsgrundlage und Architekturmerkmal mobiler Telekommunikationsanwendungen«.

Vortrag von Alexander Kohout (fino run GmbH): »Smart Data on top of PSD2: Veredelung von Kontodaten für Nutzer und Berater durch Machine Learning«.

Vortrag von Dian Balta (fortiss GmbH): »KI Out-of-the-box: Was steckt in der Box? Digitale Assistenz für die Online-Bürgerbeteiligung«.

Unser Moderator: Thomas Sturm (ONEflow GmbH) führte durch das gesamte Programm des Tages.

 

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